‚Perm-36’ ‚ausländischer Agent‘- Moskau will Erinnerung an Gulag auslöschen

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Die NGO Perm-36, die kürzlich gezwungen wurde, den Betrieb einer wichtigen Gulag-Gedenkstätte einzustellen, wurde nun gewaltsam als ‚ausländischer Agent‘ registriert. Diese neue Offensive kommt zu einem Zeitpunkt, da das von den Behörden übernommene Museum jegliche Erwähnung von Repression auslöscht und die vom Kreml unterstützten Soldaten in Donezk eine Gedenktafel entfernen, die an Wassyl Stus, den ukrainischen Dichter erinnert, der in dem berüchtigten Arbeitslager starb.

Erinnerung – ‚politisch‘, aufrührerisch

Das russische Justizministerium verlautbarte, dass die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen ‚Perm 36‘ in das Verzeichnis ‚Ausländischer Agenten‘ aufgenommen worden sei. Die Perm-Abteilung des Ministeriums kündigte an, dass sie so eine Entscheidung anstrebten, da man, so wurde behauptet, politische Aktivitäten‘ bei den Tätigkeiten der NGO und auch eine Finanzierung aus dem Ausland festgestellt hatte. Die Perm-Abteilung informierte auch darüber, dass ein Verwaltungsstrafverfahren gegen die Leitung der NGO geplant sei, da diese nicht von sich aus darum ersucht hatte, auf die Liste gesetzt zu werden, und die erforderlichen Buchungsunterlagen nicht vorgelegt hatte, als eine außerplanmäßige Überprüfung durchgeführt wurde.

Letztere Anschuldigung birgt besonderen Zynismus, da sich die Dokumente, so Perm-36 Direktor Viktor Schmirow, im Museumsarchiv befänden, zu dem man seit fast einem Jahr keinen Zutritt habe. Das stehe vermutlich in Zusammenhang mit einer polizeilichen Überprüfung, von der sie nur aus den Medien erfahren, jedoch keine formelle Verständigung erhalten hätten.

Schmirow sagt, dass die Organisation die Bezeichnung als ‚ausländischer Agent‘ nicht akzeptieren und gegen die ministerielle Entscheidung berufen werde.

Erinnerung an die Opfer

Die Gedenkstätte Perm-36 wurde 1996 auf dem Gelände des brutalen Arbeitslagers des Regimes in Kutschino im Oblast Perm eröffnet. Hier starb am 4. September 1985 Wassyl Stus, und Walerij Martschenko wurde hier vor seinem Tod in einem Leningrader Krankenhaus gefangen gehalten. Weitere ukrainische politische Gefangene schlossen Jewgen Swerstiuk und Lewko Lukjanenko mit ein; russische: Sergei Kowalew, Gleb Jakunin, Juri Orlow und Wladimir Bukowski.

Die Offensive gegen das Museum begann vor über einem Jahr, im Jahr 2014, als die staatliche Unterstützung gestrichen, der Direktor entlassen und sogar die Wasser- und Stromversorgung eingestellt wurden.

Obzwar angeblich nur ein regionales Thema, ist es jedoch von Bedeutung, dass im Juni 2014 der landesweite Kreml-freundliche TV-Kanal NTV zwei Programme ausstrahlte, in denen das Museum und seine Angestellten beschuldigt wurden, „die Geschichte umzuschreiben und Bandera-Anhänger und Faschisten zu verherrlichen“. Die NTV Sendung mit dem Titel „Die Fünfte Kolonne“ „wiederholt endlos die neostalinistische Idee, dass lediglich Stepan Bandera-Anhänger und Nazi-Kollaborateure in Perm-36 gefangen gehalten worden seien, mit der Schlussfolgerung, dass das Museum selbst auf profaschistischer und staatsfeindlicher Ideologie aufgebaut sei.“

Eine Petition unter dem Titel „Rettet die öffentliche GULAG-Gedenkstätte vor der Zerstörung!“ wurde von über 78.000 Menschen unterzeichnet. Darin hieß es, dass„für diejenigen, die während der Repression durch Stalin litten, die ihre Nächsten verloren, die große Verluste und Jahre der Gesetzlosigkeit erleben mussten, das Memorial Museum eine Gedenkstätte für die unschuldigen Opfer war und bleibt, unsere Eltern, die in den Lagern und Gefängnissen des GULAG starben. Die Arbeit des Museums war für uns die Bestätigung, dass die Behörden auf föderaler und lokaler Ebene ihre Schlüsse aus der Vergangenheit gezogen haben und willens sind, alles zu tun, um eine Wiederholung der nationalen Tragödie des 20. Jahrhunderts zu verhindern.“

Kein Andenken

Stattdessen tut das gegenwärtige Regime in Russland alles dazu, um Geschichte neu zu schreiben, wobei sich die aktuelle Version auf ein positives Image Stalins als ‚guter Manager‘ und ‚starker Führer‘ konzentriert und die Opfer der Repression ignoriert oder legitimiert.

Tom Baimforth besuchte im März 2015 das neue Museum und schrieb, dass es auffalle, dass nun „die Wörter ‚Stalin‘, ‚Dissident‘ oder Gulag‘ nirgends zu sehen seien“.

„Wir wollen nicht Partei ergreifen“, sagt Jelena Mamajewa, die erst vor kurzem das Steuer als neue Direktorin des Museums übernahm. „Wir versuchen mehr über die architektonische Anlage zu reden und uns nicht auf die Beurteilung bestimmter Leute einzulassen, die hier Strafen abgesessen haben, und auf die Beurteilung Stalins und so weiter. Denn das ist derzeit nicht ganz politisch korrekt.“

„Die neue Leitung hat etliche nicht zusammenhängende Veranstaltungen für Perm 36 geplant. Sie schließen eine Gedenkveranstaltung zum Zweiten Weltkrieg mit dem Titel ‚Nein zum Faschismus‘ mit ein und eine Veranstaltung, die dem Jahr der Literatur gewidmet ist.“

Was im heutigen Russland ‚politisch korrekt‘ ist, auf der russisch besetzten Krim, und bei den Erfüllungsgehilfen des Kreml im Donbas, ist die steigende Popularität Joseph Stalins, des sowjetischen Diktators und Massenmörders, und der Versuch, das Andenken an die Opfer des Sowjetregimes zu entehren oder einfach auszulöschen.

Quelle: EuromaidanPress

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